Das bin ich

Ich wurde 1973 in Regensburg geboren und wuchs in einer ziemlich musikalischen Familie auf. Klavier lernte ich schon früh, und ich sang wie ein Zeiserl – mein Vater leitete zwei Chöre – im strahlendsten Sopran. Irgendwann kam der Stimmbruch, und um weiter mit zu den Chor- und Orchesterwochenenden meiner Schule fahren zu können, lernte ich noch Bratsche; die Witze dazu kann sich der Kenner sparen. Leider war mein Vater zu früh verstorben, und nach dem Abitur wusste ich nicht wirklich, was ich „werden“ wollte. Für alle in meiner Umgebung schien das klar: ich müsse Musiklehrer werden, wie mein Vater, ganz logisch. Mangels eigener Idee dachte ich das irgendwann dann auch – scheiterte bravourös und beschloss, etwas Vernünftiges zu tun: „was mit Wirtschaft“ zu studieren. In all der Zeit blieb ich der Musik allerdings treu, studierte privat nebenbei Gesang, wurde als Solist gebucht, sang in Passau am Opernhaus.

Das echte Berufsleben begann dann in einer Konzertagentur und setzte sich als Verantwortlicher für Kulturevents bei der Audi AG fort. Und im Stress dieser ersten Berufsjahre verschwand die Musik: die Zeit zu knapp, der eigene Anspruch zu hoch, und vielleicht einfach gerade nicht der richtige Zeitpunkt. Die Großindustrie und ich schrieben dann ein Kapitel mit der Überschrift „Das Mißverständnis“, und ich wurde Kinder-Tennislehrer auf Teneriffa. Sonne, gutes Essen, entspannte Menschen – trotzdem irgendwann zurück in Deutschland suchte ich Arbeit im sozialen Bereich, fand sie und blieb erstaunliche neun Jahre hängen.

Mein oberster Chef dort war eine politische Besetzung, ja mei, ein bisserl Korruption im schönen München halt. Was soll man sagen – und wer kennt es nicht? Führung durch Druck und Angst, die Leute jammern und klagen, hier ein Hörsturz, da ein Herzinfarkt. Aber die Obrigkeitshörigkeit wird nicht abgelegt, Chef bleibt Chef! Ich konnte nicht anders, ich musste Widerstand leisten, habe Falsches kritisiert und mich als „Whistleblower“ an übergeordnete Stellen gewandt – um festzustellen: dort kennt man sich, und dort hält man dann eben auch zusammen.

So wurde ich als Widerständler identifiziert und entsprechend behandelt, es wurde schwierig, der Zorn groß, die Gesundheit schlecht. Also nahm ich unbezahlten Urlaub, und genau in dieser Zeit schenkte mir jemand ein Instrument, das ich noch nie zuvor gespielt hatte: eine Gitarre! Eine zu kleine, eine wie ich 1973 geborene, eine – ebenfalls wie ich – etwas kaputte Gitarre! Und jetzt geschah etwas, das ich bis heute nicht fassen und schon gar nicht erklären kann: Bevor ich überhaupt drei Akkorde auf der Gitarre spielen konnte, begann ich zu schreiben, Lieder, plötzlich fertig in meinem Kopf. Ich übte, spielte und schrieb und übte und spielte und schrieb – und eines Tages, summer of ’16, stand das Sommerfest meiner Firma bevor. Das war immer eine höchst fade Veranstaltung gewesen: man musste hingehen, um nicht negativ aufzufallen, und blieb dann solange, bis man ohne Ärger gehen konnte. Ich bot daher an, in diesem Jahr vor der Nachspeise doch einmal eine musikalische Einlage vorzutragen. Man erlaubte es mir…

Was für Lieder hatte ich geschrieben, was trug ich vor? Mir war klar geworden, dass der Weg so nicht weiterführen würde, und daher war das erste Lied des Abends mein Abschiedsgesang, verpackt als Fabel, für alle, die es verstehen würden. Das zweite Lied? War ein Aufschrei über die Mißstände im Unternehmen und über die erlittenen Verletzungen als Whistleblower. Das sorgte für einigen Aufruhr, und nun war ich endgültig zum Feind geworden. Der Geschäftsführer, Menschenfreund und Pazifist, stieß ins Horn, schickte Anwälte ins Feld und griff zu den Waffen, zu seinem eigenen Unglück allerdings recht stümperhaft. Denn mir war etwas Wunderbares passiert: Ich hatte meine Kritik gesungen, und so standen mir Musik und Kunstfreiheit bei, schützten mich, der sie anrief, wie ein herrlich warmer Mantel.

Und so blieb der „Gegenseite“ als einzige Lösung, mich mit Geld aus dem Unternehmen zu entfernen. Gleichmal dazu: Nur kein Neid! Wir reden vom öffentlichen Dienst, also schweigen wir lieber über die Summe. Und dann: Ich nahm das Angebot an, denn mittlerweile konnte niemand mehr als Sieger aus der Sache herausgehen, der Weg war an seinem Ende angekommen. Nur eine ausgeklügelte Schweigeklausel, die mich auf immer mundtot gemacht hätte – die lehnte ich bis zum Schluß ab, wie der kluge Leser womöglich gerade bemerkt.

Völlig im Griff der Musik hatte ich ohnehin weiter und weiter geschrieben, Lieder, deutsch, mit der Gitarre begleitet. Ich versuchte mich an ersten Live-Auftritten, ältere Damen kamen auf mich zu und fragten nach dem Text, 20jährige vergaßen für längere Zeit ihr Smartphone – es funktionierte! Und auf einmal war es genug für ein Album, gute Geister waren um mich herum, Familie und Freunde erklärten mich nicht für verrückt, und so sollte es sein: 2017 wurde in Berlin mein Album „Mit Dir“ produziert.

Ich bin allen, die dazu beigetragen haben, unendlich dankbar. Und freundliche Menschen, die seitdem in „Mit Dir“ reingehört haben, helfen mir dabei weiterzugehen:

Jens Kommnick, Komponist und Musiker (Reinhard Mey):
„Ein wunderbares Album. Wie fein sind die Gedanken auf den Punkt gebracht, wie filigran die Poesie, wie zart ist sie in warme Melodien verwebt!“
Heiner Knapp, Musikredakteur (radioBERLIN 88,8):
„Wirkungsvoll und textlich durchdacht – so etwas bekommt man auch nicht alle Tage angesichts der Flut an Veröffentlichungen.“
Heiner Lürig, Produzent und Komponist (Heinz Rudolf Kunze):
„Im besten Sinne: eine schöne Stimme in einem guten Song zum wichtigsten Thema der Zeit.“
Konstantin Wecker, Liedermacher:
„Vielen Dank für dieses wirklich schöne Lied!!!“

Nun gilt es, auch noch die „Industrie“ zu überzeugen. Das ist nicht wirklich einfach – aber ich fühle mich in der Pflicht: meinen Liedern gegenüber, die von irgendwoher zu mir gekommen sind. Und all den wunderbaren Musikern und Menschen gegenüber, die mich bis hierher gebracht haben.